Die Stadt im Berg
An einer Seite lehnt sich der Tempel am Stein an. Was von außen wie eine massive, undurchdringliche Felswand aussieht, besitzt in Wahrheit jedoch mehrere Risse, die tief ins Innere des Berges führen. Sie wurden soweit mit Mauern versiegelt, dass nur noch türgroße Öffnungen bleiben, die kaum auffallen. Und vor alledem erhebt sich der Tempel – nur, wer bereits das Heiligtum der Neuen Ordnung betreten hat, wird überhaupt erst auf die Idee kommen, seinen Weg in den Fels fortzusetzen.
Wer die Spalten im Fels betritt, findet sich in einer anderen Welt wieder. Eben noch im mäßig erleuchteten, steinernen Tempel, geht es nun über Hängebrücken weiter. Holzbretter sind mit Stricken zusammen gebunden, Geländer aus Seilen reichen rechts und links bis in die Höhe des Halses. Zu beiden Seiten sind die Felswände erkennbar, aber weder sieht man nach oben Tageslicht – oder ein Ende der Spalte – noch ist nach unten der Boden zu erkennen. Allein die Felswände rechts und links zeigen, dass man sich nicht in der Unendlichkeit befindet.
Fackeln an den steinernen Wänden spenden flackerndes Licht, das gerade ausreicht, um die Kurven zu erkennen, welche die Hängebrücke einschlägt. Manchmal wendet sie sich nach rechts, manchmal nach links, jedoch geht es immer auf etwa der gleichen Höhe dahin – bis plötzlich die Felswände zu beiden Seiten enden und Schwärze an ihre Stelle tritt. Die Brücke jedoch geht geradeaus voran.
Knarrend schwingen die Seile, ächzen unter der Last – und halten doch Stand! Das Ende der Brücke bildet eine achteckige Plattform aus Holz, die rund um einen aufstrebenden Tropfstein gezimmert ist und nur nicht abrutscht, weil der Stein nach unten ein wenig breiter wird. Von hier aus führt eine weitere Brücke geradeaus in die Dunkelheit; eine sinkt nach rechts ab und eine steigt auf der linken Seite in unbekannte Höhe an. Ein Wegweiser am Tropfstein erklärt, dass nach oben die Gemächer für Gäste folgen, nach unten das Lager. Für den Weg geradeaus gibt es kein Schild. Hier wartet wohl alles weitere, das sich noch in der Dunkelheit verbirgt.
Entscheidet man sich für den Weg geradeaus, so geht es schon wieder in die undurchdringliche Dunkelheit. Einmal verjüngen sich die Felswände noch, so dass man sie zur Rechten wie zur Linken anfassen kann. Die Hängebrücke geht für kurze Zeit in einen festen Bretterboden über. Dann folgt die nächste Brücke – und bietet Aussicht auf ein Schauspiel, das die oberirdische Welt in ihre Gegensätze zu verdrehen scheint.
Die nun folgende Höhle ist oval und an unzähligen Stellen mit Fackeln erleuchtet. In ihrer Mitte erhebt sich ein quadratischer Turm mit sechs Stockwerken, dessen Seiten wohl acht Schritt messen. Rund um ihn herum schlängelt sich an jedem Stockwerk eine Galerie aus Holz, Treppen verbinden die Stockwerke miteinander. Der Turm hat viele größere oder kleinere Fenster und Türen, so dass man bequem von außen hineinschauen kann. Den Tischen und Bänken nach scheint es sich dabei um eine Taverne zu handeln.
Zwar ist die Decke der Höhle nicht zu erkennen (es muss sich um eine gigantische natürliche Kuppel handeln), doch sieht man erstmals den Boden. Riesige Tropfsteine erheben sich und schimmern im Licht der Fackeln in absonderlichen Farben.
Vom Turm in alle Richtungen führen hölzerne Treppen, die seine Galerie mit ähnlichen Gängen an den Höhlenwänden verbinden. Türen trennen die Höhle von den Quartieren der einzelnen Gilden, die sich in Yaramer niedergelassen haben. Auf der gegenüberliegenden Seite des Turmes jedoch gibt es eine Hängebrücke, die weiter in die Dunkelheit reicht ...